Beschreibung // Description

(English Below)

In der Frankfurter Schule nimmt der Messianismus eine zentrale Stellung ein, sei es in der Theorie der Geschichte, sei es in allgemeinen Überlegungen zum Begriff der Vernunft, der das Leiden der Anderen, die Kritik an der Beherrschung der Natur, die Aussicht auf diesseitiges Glück, auf ein gelingendes Leben gerade nicht ausschließen soll. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, je vehementer Adorno, Horkheimer und Benjamin auch als ausgewiesene Religionskritiker in Erscheinung treten. Und dennoch präsentiert sich gerade der Messianismus – mal schwächer, mal stärker ausgearbeitet – als Antwort auf die Negativität realgeschichtlicher Erfahrungen im 20. Jahrhundert und der damit einhergehenden Gefahr des Nihilismus. Gerade aus der immer wieder enttäuschten Hoffnung erwächst die messianische Hoffnung auf eine Erlösung von der schlechten Kontinuität der Geschichte. In der Stillstellung des Fortschritts, der das Leider der Anderen in seinem Namen zu rechtfertigen sucht, eröffnet sich die Aussicht auf das ganz Andere der Zeit – eine Denkfigur, die Auswege aus der Geschichte sucht und dabei doch ganz an die Gegenwart gebunden bleibt.

Das Verhältnis der Frankfurter Schule zur Religion lässt sich allerdings nicht nur von der Haltung des Messianismus aus erschließen. In der Dialektik der Aufklärung konstatieren Adorno und Horkheimer etwa mit Bezug auf Nietzsche, den sie als Radikalaufklärer verstehen, dass die Leugnung Gottes einen unaufhebbaren Widerspruch in sich enthält, weil sie das Wissen selbst negiert. Auch Adornos Konzept der metaphysischen Erfahrung birgt eine religiöse Signatur, weil es mit dem Fokus auf das Nicht-Identische, Unverfügbare, Ohnmächtige die Grenze dessen überschreitet, von dem wir von jeher umgeben sind und eingeschlossen werden. Nicht zuletzt sind auch Rezeptionsgeschichten zu verfolgen. Theologen wie Jürgen Moltmann beziehen sich in ihren Arbeiten auf zentrale Ideen von Adorno und Horkheimer, und sogar Papst Benedikt XVI. hebt im Namen des Kritischen Denkens in Spe Salvi (2007) zu einer generelle Kritik an der Beherrschung der Natur und am ungehemmten technischen Fortschritt in der Moderne an.

Im Rahmen des zweitägigen Workshops wollen wir uns in systematischer Rücksicht auf das Problem der Geschichte den religiösen Dimensionen des Kritischen Denkens zuwenden (vor allem, aber nicht ausschließlich bei Adorno, Horkheimer, Marcuse, Kracauer und Benjamin).
Workshop: 12.-13. Juli 2017
Sprachen: Deutsch und Englisch
Ort: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Wissenschaft und Ethik (IWE)
Organisatoren: Kyla Bruff (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn & Memorial University of Newfoundland) & Peter Neumann (Friedrich-Schiller-Universität Jena)

For the Frankfurt School, messianism plays a key role in their theories of history, considerations on suffering, critique of the domination of nature, the possibility of hope and the task of philosophy. Indeed, while Adorno, Horkheimer and Benjamin critique ideological religion and its claims to absolute truth, they nevertheless advance different versions of messianism in response to political despair and nihilism. It is precisely out of the ever-disappointed hope in history that the messianic hope for salvation and a complete break with the given order arises. In the standstill or rejection of progress, the latter which seeks to suffering of others in its name, we can still hope for the ‘completely other’ – a total break with the current conditions, which would offer a rethinking of the meaning of history, while still thus remaining bound to the present.

However, the considerations of the Frankfurt School on religion are not limited to messianism alone. For example, Adorno and Horkheimer affirm that the denial of God is a contradiction, and that in God we find the hope of salvation. Furthermore, Adorno’s concept of metaphysical experience offers the possibility of experiences that transcend the limits and mundanity of the societal constraints under which we live. It is also worth noting that the work of Adorno and Horkheimer has been drawn upon by theologians such as Jürgen Moltmann and Pope Benedict XVI in Spe Salvi to support the general critique of the domination of nature in pursuit of limitless technological progress, along with the acknowledgment of the reality of suffering in history.

Throughout this two-day workshop, we will explore the treatment of religious themes by the Frankfurt School (including, but not limited, to the work of Horkheimer, Adorno, Marcuse, Kracauer and Benjamin).
Languages: German and English
Location: University of Bonn, Institut für Wissenschaft und Ethik (IWE)
Organizers: Kyla Bruff (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn & Memorial University of Newfoundland) & Peter Neumann (Friedrich-Schiller-Universität Jena)